Wissen, Macht und Moral anarchisch

Die Theatralen inszenieren „Die Physiker“. Montag letzte Aufführung

Wissen, Macht und Moral. Drei Schwergewichte, jedes für sich die Pole-Position beanspruchend. Allein deren Nennung lässt Düsteres erahnen. Zumindest für einen Theaterabend. 
Also lieber Rückzug aufs eigene Sofa. Streamen lässt sich immer bequem, belanglos, besser?
NEIN! 

Friedrich Dürrenmatts herrlich anarchische schwarze Komödie „Die Physiker“ in der Inszenierung unserer Theatralen beweist das Gegenteil. Bei der Premiere am Donnerstag, 9. April, erlebten die Zuschauer, dass diese 65 Jahre alte Textbasis auch heute noch „funktioniert“. Zumindest, wenn sie so professionell, fetzig, unterhaltsam und mit vielen Seitenhieben auf unser Gymnasium dargeboten wird wie hier am GGB.

Die Story ist vielen aus dem Deutschunterricht bekannt: Der geniale Physiker Möbius erkennt, dass seine Forschung die Zerstörung der Welt bedeuten könnte, und zieht sich deshalb in ein Irrenhaus zurück, um als Verrückter weiter denken und forschen zu können, ohne ernst genommen zu werden und seine Ergebnisse teilen zu müssen. Allerdings wird dies in Ost und West vermutet, sodass zwei Geheimdienstler sich, als irre Physiker getarnt, ebenfalls in das Nervensanatorium einweisen lassen. Sie wollen Möbius jeweils auf ihre Seite ziehen. Dieser überzeugt sie nach einigen mörderischen Verwicklungen jedoch davon, dass auch sie, obwohl „normal“, aus Verantwortung für die Welt als Verrückte im Sanatorium bleiben, um den Menschen die entsetzlichen Konsequenzen seiner Entdeckungen zu ersparen. Doch die drei haben nicht mit der größenwahnsinnigen Klinikleiterin gerechnet… und stellen fest: „Was einmal gedacht wird, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ (Möbius).

Unter der Regie von Martina Porysiak und Eva Lahrmann nahmen sich die neun Mitglieder der Theater-AG und ihre Gäste von unseren „Juniors“ Dürrenmatts Drama vor, um zu zeigen, wie aktuell die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft gerade heute angesichts von KI und Politik bestimmenden Techkonzernen ist. Darauf spielt auch die abschließende Diashow an. Dass das Nachdenken über Wissen, Macht und Moral aber nicht trocken daherkommen muss, sondern einen kongenialen Partner im Humor hat, ist das andere Anliegen der „Theatralen“. Mit vielen Slapstickeinlagen, bunten Kostümen und emotionalem Bespielen der gesamten Aula wird das Stück ins amüsierte Publikum gebracht. Die Polizistinnen (Leni König und Lotte Miska) fotografieren beispielsweise nicht nur Tatorte und nach einer Stunde bereits skelettierte Leichen, sondern dort mithilfe von Selfiesticks auch sich in unterschiedlichen Posen. Inspektor Voss (Malte Wortmeier) mutiert vom dienstbeflissenen Beamten zum Phlegmatiker, der auf dem Sofa lümmelnd sein Berufsethos aufgibt und sich freut, Mörder nicht verhaften zu müssen. Die Schwestern im Sanatorium (Hannah Grahl, Aleyna Bayhan) erfahren die unheilige Allianz von Liebe und Tod. Physiker „Einstein“ (Claas Vonstrohe) spielt den Verrückten dauerlächelnd clownesk, „Newton“ (Lena Paul) als verhuschten Alkoholiker, Möbius (Justus Vonstrohe) als unberechenbares emotionales Medium von Botschaften König Salomos. Seine fromme Familie (Lotte Miska als Ehefrau mit den „Buben“ Mara Wenneckers, Nina Bartz und Matilda Mentrup bzw. Linda Glöggler, Mia Friedrichs und Tilda Sommer) flieht entsetzt. Und Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd (Nelia Birkeneder)? Sie lebt ihren Größenwahn euphorisch auf dem Tisch stehend und Glocken läutend aus. Alle Schauspieler:innen überzeugen in ihren Rollen und verblüffen durch absolute Textsicherheit. Und so kurz bzw. leicht sind Dürrenmatts Dia- und Monologe wahrhaftig nicht. Unsere Technik-AG unter der Leitung von Ole Notzon  (Jakob Notzon, Maja Neumann, Noah Hermann) setzte wie immer alles ins rechte Licht bzw. fand den passenden Ton.

Rückzug aufs Sofa? Auf keinen Fall! Hier kommt eine unbedingte Empfehlung, sich diese Aufführung nicht entgehen zu lassen! Am Montag, 13. April, gibt es noch eine letzte Gelegenheit dazu. Beginn ist um 19:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Physiker

(Rita Cremering)

Autor:
Greselius-Gymn…
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